London – Ankunft

Dienstag, 4. März 2008

90 minuten U-bahn. genug zeit kinski zu lesen und einzuschlafen. nicht richtig natürlich, london: gefährliche stadt: aufpassen.


Station PICCADILLY CIRCUS. hier steige ich aus. im moment da ich die oberfläche erreiche und ‘london’ erblicke, bin ich verschossen. die sonne scheint, ich stehe inmitten eines verkehrschaos’ aus ampeln, doppelstockbussen, fußgängern, hunden, fahrrädern.. und was so alles dazugehört. bereits nach wenigem umsehen, glaube ich in mitten eines manet-gemäldes zu sein. -schwarz. es hält bei ihm die welt zusammen, die sonst aus licht und farbe davonfliegen würde.- die fassaden strahlen, blauer himmel, sonnig-klirrende 5 grad celsius. die straße hat schwarze ampeln, schwarze geländer und schwarze, riesenhafte holztüren. sie liegt schwer und unbekümmert. hebe ich den kopf, verdünnt sich das schwarz, es klebt an den fensterrahmen, laternenmasten und fahnenstangen. ganz oben bloß noch an den eisenbeschlägen einiger häusergiebel. dazwischen schieben sich flirrende sonnenstrahlen, braun-rote backsteinhäuser, leutschriften, kunterbunte plakate, schmale straßenfluchten, hundertfach lackierte geländer. das getöse, gehupe und geklingel steigt auf, vom schwarzen unterst zum hellblauen oberst. ich schwebe mit glänzenden augen von straßenschild zu straßenschild. bis zum

BRITISH MUSEUM. umzingelt von schwarzem schmiedeeisen liegt es da. -ganz anders als in berlin. wo sich die staatsmuseen ausladend, dem herannahenden schon lange anbieten, bevor der überhaupt Kuppel des British Museum, London.weiß, wessen er sich nähert.- ich gehe also hinein. noch stehe ich zusammen mit der riesigen ‚donation-box’ in der dunkelen vorhalle. doch mit jedem schritt wird es heller und ich fassungsloser. der boden wird zu weißem stein, die wänder wachsen noch höher. hoch darüber wölben sich glasdreiecke. unzählige glasdreiecke. Erst als ich bereits direkt unter ihnen stehe, begreife ich wie sich alles zusammenfügt: es ist eine art rechteckiger innenhof. riesig, gleißend hell. mittig ein runder abgeschlossener bau, zwei etagen hoch. zwischen den geraden mauern, die das hofrechteck bilden – hinter denen sich die beute unzähliger britischen raubzüge verbergen muss – und dem mittigen rundbau, hat der architekt Norman Foster einen nach oben gewölbten glasring gespannt. sogar das geschwatze und gelärme der unzähligen besucher muss sich da verlieren. ich muss mich setzen.

beginne dann mit den antik-griechischen figuren des parthenon-frieses vom athener burgberg. die kenne ich seit ich weiß, dass es eine griechische antike gibt. die habe ich in unzähligen abbildungen während meines studiums gesehen. mit viel zu viel ehrfurcht stehe ich vor den resten des ostgiebels. nicht viel erhalten. aber was die 2500 jahre überdauern konnte, ist ein knadenloser beweis skulpturalen vermögens. unzählige feinste falten, darunter starke leiber. eine figur: sie trägt keinen kopf, nicht einmal heil gebliebene arme, aber ich habe noch nie eine so kräftige, gesunde, erhabene figur gesehen.  -überhaupt wird mir mit einem schlag deutlich: hier zeigt sich eine kultur, für die mann und frau zwei formen eines wesen sind, die sich in stärke und vollkommenheit gänzlich gleich sind.- ich glaube sofort, dass ich götter vor mir habe. die schildchen interessieren mich nicht. die um mich, italiener, inder, idioten mit ihrem dämlichen lichtblitz-geknipse. wieder auf der straße. es ist noch nicht dunkel. einmal ums eck, weiter zu fuß durch eine gefällige fußgängerzone, bis ich am

TRAFALGAR SQUARE bin. im prinzip nichts als ein großes haus, mit einem riesen-platz davor, mit einer riesen -chaos-straße. und einer höchst albernen säule, samt albernem, behutetem mann obendrauf. dämmerung bricht ein, die beleuchtungen vermögen dem platz etwas charme abzugewinnen. nicht jedoch denjenigen, die vor, auf, neben einem bronzelöwen fratzen für erinnerungsalben ziehen. in naher ferne vielversprechende türme. ich bin durchgefroren und einem schokoriegelzuckerschock nah. großer cappuccino und dazu noch ein twix. ‘wo bin ich? wo will ich noch hin?’ 18.00. aufgefrischt gehe ich zurück auf die straße. endgültige dunkelheit. conny im dunkeln london. herrlich!

die leuchtenden türme ziehen mich magnetisch an. ich komme ihnen entlang einer breiten straße näher. als diese sich zu einer großen kreuzung ausweitet, bin ich einmal mehr sprachlos. biege rechts ab. entlang dieser überwältigenden orangenen steinmasse. es sind mehrere gebäude, zu beiden seiten der straße. irgendeines davon muss

WESTMINSTER HALL sein. Einiges ist alt, das meiste hier ist ‚neo’. soviel weiß ich. aber der rest? egal. der name ist egal. es ist unglaublich. ich kann meine augen nicht ablassen. immer noch mehr türmchen und fensterreihen und eingänge und rasen und polizei-hüttchen. dann bin ich am ende und drehe um. ohne mit glotzen aufzuhören. an mir vorbei hetzen schwarze autos und leute, die wichtig erscheinen. das gebäude ist unglaublich. es muss direkt aus den wolken an diese stelle gefallen sein. wer könnte soetwas bauen? –ich gelange wieder bei einer rieshaften turmuhr an. sie schlägt kräftig sieben mal. mir scheint das tut sie seit menschen bis sieben zählen können. ich will um sie herum, dabei gelange ich auf eine brücke. plötzlich ist da wasser. meine schöne uhr ist also unerreichbar. als ich die

THEMSE überquere, beginnt es zu regnen. Englischer Regen. Londoner Regen. Eine muss-attraktion. -immer weiter entfernt sich der orangegetränkte riese. er wird kaum kleiner. doch das winzige gefummel der fassade schließt sich zusammen. Auf meinem weg komme ich an einem Riesenrad vorbei. das spannendste scheint mir neben der Beleuchtung noch der Name LONDON EYE zu sein. inzwischen bin ich endgültig durchgefroren. die nächste u-bahn nehme ich. auf dem heimweg ein supermarkt-stopp. ‘die haben hier brote wie in holland.’
rückreise. alle 2 minuten eine bahn. wahnsinn. und ich dachte berlin sei verwöhnt. die bahnschächte der TUBE sind enge gänge und ich fühle mich wie in ‘die landmaus zu besuch bei der stadtmaus’. zeit kinski zu lesen.


es gibt in dieser stadt schäbige ecken und schier unerträgliche einrichtungen, wie die plüsch-bezüge auf öffentlichen sitzen. die leute scheinen aufgeschlossen und strahlen etwas angenehmes aus. die mädchen sind aufrecht. die männer lebhaft. weniger must-be-schwule als in berlin. -jedoch alle haben ganz sicherlich ihr empfinden für niedrigst-temperaturen verloren.

wie erwartet betört mich der klang ihrer sprache. überall versuche ich ein telefonat, eine bestellung, einen ausruf aufzuschnappen. wie eine süchtige laufe ich und sauge die fetzen auf. wenn sich im geschäft jemand an mich richtet, muss ich mir mühe geben, nicht dem klang dessen was er sagt, sondern dem inhalt zu folgen.

all das ‘historische’ gibt london eine materielle größe, einen vorsprung, den berlin niemals mehr zurückerlangen wird.  überall diese backstein-arbeiter häuser..

der linksverkehr macht mich besoffen. aber das wird sich legen.

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